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Newsletter 2/2019

Energieausweise und -beratung

Liebe Leserinnen und Leser,

die ersten Energiesparausweise haben inzwischen ihre Gültigkeitsdauer von 10 Jahren überschritten und laufen ab. Daher wollen wir im Rahmen der aktuellen Ausgabe des Berlin-spart-Energie-Newsletters das Thema Energieausweise und die Diskussion um ihre Effektivität näher beleuchten. Da die Ausweise meist nur dann zum Tragen kommen, wenn Gebäude verkauft oder neuvermietet werden, wollen wir im zweiten Teil einen Blick auf ergänzende Angebote und Beratung werfen. Als unser Projekt des Monats möchten wir Ihnen deshalb stellvertretend ein solches Beratungsangebot vorstellen: Die Verbraucherzentrale Berlin e.V. bietet anbieterunabhängige Beratungsangebote und Hilfestellungen bei einer großen Bandbreite an Themen. Die Energieberatung gibt es auf Bundesebene übrigens seit über 40 Jahren: Kurz nach Verabschiedung der ersten Wärmeschutzverordnung startete das Angebot im Jahr 1978!

Wir wünschen eine einsichtsreiche Lektüre
Michael Scheuermann, Robert Volkhausen


Energieausweise

Ein kurzer Überblick

In ihrer heutigen Form wurden die Energieausweise mit der EnEV 2007 beschlossen und erstmals 2008 ausgegeben. Prinzipiell benötigt jedes neu errichtete Gebäude einen Energieausweis. Daneben wird ein Ausweis bei Verkauf, Verpachtung, Neuvermietung sowie bei umfassender Sanierungen am Gebäude benötigt. Letzteres beispielsweise für den Nachweis der KfW-Effizienzhaus Anforderungen. Freigestellt sind unter Denkmalschutz stehende Gebäude und Gebäude mit bis zu 50 Quadratmetern Nutzfläche. Wird eine Immobilie selbst genutzt oder nicht neu vermietet, ist ebenfalls kein Ausweisdokument nötig. Im Kern sollen die Ausweise eine deutschlandweite Vergleichbarkeit der energetischen Eckdaten eines Gebäudes ermöglichen. Einerseits soll dadurch Transparenz für Verbraucher*innen hergestellt werden und andererseits erhofft man sich von der Veröffentlichung der Ausweise einen Marktanreiz zur energetischen Sanierung.

 

In Deutschland hat man bei Bestandsgebäuden die Wahlfreiheit zwischen einem Energiebedarfsausweis und einem Energieverbrauchsausweis. Neubauten benötigen einen Bedarfsausweis, da zur Fertigstellung noch keine Daten für den Energieverbrauch vorliegen. Eine Neuerung in der EnEV 2014 war die Verpflichtung zur Veröffentlichung im Rahmen von Verkauf und Vermietung. Die Ausweise müssen seitdem nicht erst auf Verlangen vorgezeigt werden, sondern sind schon in der Immobilienanzeige beizufügen.

Raum für Verbesserungen & Kritik

Über die letzten Jahre wurde immer wieder Kritik an den Ausweisen und ihrer Umsetzung geäußert. Mit dem Ablauf der Gültigkeit der ersten Ausweise und dem Ausblick auf ein Gebäudeenergiegesetz (GEG) ist die Frage nach deren Relevanz und Effektivität wieder aktuell. Ende Januar stellte die FDP-Bundestagsfraktion eine Kleine Anfrage zum aktuellen Stand bei Energieausweisen und ihrer Umsetzung (BT-Drucksache; 19/7291). Laut der Fraktion sei die Wirksamkeit des Systems bisher nicht ausreichend überprüft worden und auch die Aussagekraft der Ausweise würde nicht den Erwartungen entsprechen.

Vergleichbarkeit der Ausweise

2011 wurde die Studie „Evaluierung ausgestellter Energieausweise für Wohngebäude nach EnEV 2007 vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) herausgegeben. Insgesamt wurde dort das Konzept der Ausweise als gut und sinnvoll eingeschätzt. Für Laien seien jedoch nicht alle Informationen und Angaben verständlich; eine Reduzierung auf die „wesentlichen Informationen“ wurde gewünscht.
Die Berechnungen sind jedoch teilweise kompliziert und viele Daten nicht ohne weiteres verfügbar. Die Studie verglich mehrere Ausweise mit eigenen Referenzberechnungen: Bei Verbrauchsausweisen wichen die Ergebnisse zwischen -26 und +15 Prozent von denen des BMBVS ab. Immerhin über 65 Prozent der Ausweise hatten nur geringe Abweichungen. Bei Bedarfsausweisen war die Spanne größer: Die Berechnungen lagen zwischen -30 und +108 Prozent im Vergleich zum Referenzwert. Lediglich 30 Prozent der Ausweise hatten nur kleine Abweichungen.

Prebound- und Rebound-Effekte

Verbrauchsausweise (Praxis) sind bei ineffizienteren Bestandsgebäuden in ihrem Ergebnis meist aussagekräftiger als das Ergebnis des Bedarfsausweises (Theorie). Laut BMBVS lag der Verbrauchswert um bis zu 38 Prozent unter dem Bedarfswert. Bei Gebäuden mit einem hohen energetischen Standard ist der tatsächliche Verbrauch im Gegenzug höher als der berechnete Bedarf. Der Verbrauch lag in den untersuchten Fällen um bis zu 58 Prozent über dem berechneten Bedarf. Im ersten Fall ist das Verhalten der Nutzer*innen eher auf Energiesparen ausgerichtet (Prebound), im zweiten Fall entspricht das Verhalten nicht den optimierten, rechnerischen Annahmen und technische Einsparmöglichkeiten werden in ihrem Effekt überschätzt (Rebound). Dieses Phänomen lässt sich übrigens auch in den Niederlanden, Belgien, Frankreich und Großbritannien nachweisen. Eine englischsprachige Fachpublikation von Sunikka-Blank und Galvin (2012) kommt zu ähnlichen Ergebnissen mit durchschnittlich 30 Prozent niedrigeren Verbrauchswerten.

Transparenz und Kontrolle

Eine in Zusammenarbeit mit dem Energieberaterverband GIH entstandene Abschlussarbeit von 2018 kam zum Ergebnis, dass die Kontrollen der ausgestellten Ausweise unzureichend sind und damit die Wirksamkeit angezweifelt werden kann. Zwar werden auch hier die Ausweise als zielführendes Instrument bewertet, jedoch sind diese praktisch oftmals nur „zahnlose Tiger“: So erfolgten 2016 in Baden-Württemberg nur 300 Stichproben bei 52.000 Ausweisen)


Energieberatung

iSFP & Co als sinnvolle Ergänzung

Klammert man Neubauten aus, werden Energieausweise erst bei Verkauf oder Neuvermietung interessant. Welchen Einfluss die Ausweise auf eine Kaufentscheidung haben, hat deshalb die Verbraucherforschung NRW 2017 in einer Evaluation untersucht. Aber wie sieht es für Bestandsgebäude aus, in denen diese Entscheidung nicht ansteht?

Das iBRoad-Projekt (engl. „Individual Building Renovation Roadmaps“). hat dazu die Energieausweise von acht europäischen Ländern verglichen und in Fact-Sheets zusammengefasst (engl.). Im Rahmen des Horizont-2020-Programms der EU wurden dann Ansätze entwickelt, um konkrete Maßnahmen für die Eigentümer*innen zu entwickeln. Die deutsche Variante sind die sogenannten iSFP – Individuellen Sanierungsfahrpläne. Im Kern handelt es sich um Softwaretools für Energieberater*innen, welche leicht verständlich einen langfristigen Überblick über den energetischen Zustand des Gebäudes und dessen Gestaltungsmöglichkeiten bieten. In zwei PDF-Dokumenten wird dann ein Sanierungsfahrplan für Eigentümer*innen zusammengestellt.

Beratung für die Praxis in Verbraucherzentralen

Konkrete Hilfestellungen wie in unserem Projekt des Monats findet man bei Beratungsangeboten. Die Verbraucherzentralen sind hierfür gute Anlaufstellen. In puncto Energieausweise haben die Verbraucherzentralen von Niedersachsen, von Brandenburg sowie der Verbraucherzentrale Bundesverband jeweils die wichtigen Punkte zusammengefasst und bieten weiterführende Angebote.


Projekt des Monats

Als eine von 16 Landes-Verbraucherzentralen bietet die Verbraucherzentrale Berlin e.V. zahlreiche Beratungs- und Informationsangebote zu einem breiten Themenfeld. Die Energieberatung der Verbraucherzentrale(n) ist mit 550 Berater*innen das größte anbieterneutrale Beratungsangebot zum Thema Energie in Deutschland – und das nicht erst seit gestern: Das Angebot startete 1978.


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Energiehunger der Welt, 40 Jahre und ein Paradox

Der Rebound-Effekt wurde zum ersten Mal im Zusammenhang mit Energieverbrauch festgestellt...im Jahr 1865. Damals verfasste William Stanley Jevons sein Buch mit dem Titel "The Coal Question". Dort formulierte er das sogenannte "Jevons' Paradox": Er stellte fest, dass nach der Einführung von James Watts kohlebefeuerter Dampfmaschine der Kohleverbrauch enorm anstieg – gerade weil diese sehr viel effizienter war als die Vorgängerversionen, eröffneten sich immer vielfältigere Einsatzmöglichkeiten und die Dampfmaschine verbreitete sich in rasantem Tempo. Ab 1800 stieg der Kohleabsatz im Vereinigten Königreich rasant an: Innerhhalb von 40 Jahren um etwa das Achtfache!

Als unser Projekt des Monats seine Arbeit 1978 aufnahm, lag der Weltenergieverbrauch bei 79.101 TWh. Heute liegt er bei etwa 153.596 TWh und hat sich damit in den letzten 40 Jahren fast verdoppelt.

 

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